Wer an der Küste lebt, hat nicht selten ein Boot. Früher wollte es der Brauch, dass die Männer der kleinen Ortschaften rund um den Jadebusen zum Fischen ausfuhren, um das Dorf und ihre Familien zu versorgen. Auch Enno Janßen, Jörg Warnke und Andreas Logemann aus Eckwarden lebten diese Tradition. Enno Janßen verstarb 2009, doch er fährt weiterhin mit seinen Freunden zur See. Ihr Kutter, ein ehemaliges Rettungsboot, trägt heute seinen Namen.
Inzwischen sind Andreas Logemann und Jörg Warnke die letzten ihrer Art am Eckwarder Spieker. Die Restriktionen rund um das Naturschutzgebiet Wattenmeer und der Verlust von Fanggebieten zwangen viele Fischer zum Aufgeben.
„Über drei Generationen hatten wir spezielle Stellen, an denen wir Reusen auslegen durften. Wir haben dafür gekämpft, eine Genehmigung zu bekommen, um für private Zwecke in ausgewiesenen Flächen fischen zu dürfen“, sagt Andreas Logemann. Der 66-Jährige ist in Eckwarden aufgewachsen und fuhr bereits als Junge mit seinem Onkel Günther Pape aufs Meer hinaus.
Ein Rettungsboot wird zum Fischkutter
Als sie noch zu dritt waren, nutzten sie Enno Janßens offenen Angelkahn für ihre Touren. Bei rauer See konnte es auf der Nussschale schon mal gefährlich werden. Nach dem Tod des Freundes erbten sie das Boot. Kurzerhand schnitten sie das Heck ab, verlängerten es, zogen die Seiten höher und bauten eine Kajüte ein.
Bis 2014 leistete dieses Exemplar gute Dienste, dann fiel es der Flut zum Opfer. Die Schuld lag nicht bei den Eigentümern. Da Andreas Logemann die zahlreichen Arbeitsstunden und das verwendete Material dokumentiert hatte, zahlte die Versicherung. Nun begann die Suche nach einem neuen Boot.

Fündig wurden sie im eigenen Dorf. Ein Rettungsboot hatte die perfekte Länge. Für die private Fischerei sind acht Meter das Maximum. Der Rumpf ist mit 70 Zentimetern Tiefgang sehr flach und eignet sich auch noch für Fahrten durch Priele bei ablaufendem Wasser.
Jörg Warnke beherrscht die Kunst des Pierens
Dieses Mal bauten sie den Kutter von Grund auf nach ihren Bedürfnissen auf: Die Kajüte bekam ein Navigationsgerät für die nächtlichen Fischzüge, der alte Motor wurde durch einen 60-PS-Motor, samt neuem Getriebe ersetzt, außerdem montierten sie an Deck eine automatische Winde, mit der das Schleppnetz eingeholt werden kann.
„Vorher haben wir das Netz mit Muskelkraft hochgezogen. Da sah man Sterne vor den Augen, wenn man damit fertig war“, sagt Jörg Warnke. Der 76-Jährige ist ein Allround-Talent. Er findet für jedes handwerkliche Problem eine Lösung.

Außerdem beherrscht er die Kunst des Pierens. Der Begriff aus dem Plattdeutschen Wortschatz bezeichnet das Beködern eines Wollknäuels mit Wattwürmern. Beschwert mit einem Gewicht, wird es hinter dem Kutter hergezogen und scheint eine magische Anziehungskraft auf einige Fischarten zu entwickeln.
Bis zu zehn Kilo bringen sie nach Hause
Die Männer fahren nach Möglichkeit von März bis Dezember einmal pro Woche raus. Sie sind zwischen acht und zehn Stunden unterwegs. Weil sie in der Region aufgewachsen sind, wissen sie genau, wo Sandbänke und Überfahrten verlaufen.
Andreas Logemann sitzt am Steuer, Jörg Warnke kümmert sich um die Reusen und Netze. Nachdem der Fang in den Sprungkorb entleert wurde, trennt das Rüttelsieb die Plattfische, Stinte, Kabeljaue, und Wittlinge nach Größe. Was zu klein ist oder unter Schutz steht, wird aussortiert und geht zurück ins Wasser. Bis zu zehn Kilo frischen Fisch bringen die beiden an einem Tag nach Hause.

Veränderungen im Fischbestand fallen ihnen natürlich als Erste auf. So beobachteten sie in den 90ern massive Einbrüche im Vorkommen von Aal und Plattfisch. Erst in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Bestand erholt.
„Die Abwanderung hing zuletzt mit dem Bau des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven zusammen. Über Jahre hinweg wurden Pfähle für die Fundamente in den Boden gerammt. Die Arbeiten begannen 2008 und dauerten bis 2012 an. Das Geräusch hat die Fische vertrieben“, vermutet Jörg Warnke.
Ein Fischer, der selbst keinen Fisch isst
Der Eckwarder hat tatsächlich noch nie einen Fisch zwischen den Zähnen gehabt. Seemannsgarn aus Eckwarden? Tatsächlich nicht. Dafür ist die Nordseekrabbe „am liebsten direkt nach dem Kochen aus dem Sieb“ für ihn eine Delikatesse. Die beste Zeit, um Granat zu fangen, ist übrigens morgens um vier. „Aber unser Nachteil ist, dass wir beide keine Frühaufsteher sind“, sagt Andreas Logemann.
„Enno“ wartet bereits im Eckwarder Hafen. Momentan liegt das Boot wegen des Eisganges noch auf dem Trocknen. Sobald die Temperaturen im Jadebusen wieder bei sechs, sieben Grad liegen, beginnt für die beiden Fischer die Saison.