Kühe kennen keine Ferien. Damit Landwirte überhaupt verreisen können, wird auf dem Hof lange im Voraus geplant und die Vertretung muss sitzen. Wer Glück hat, kann seine Mitarbeiter einbinden oder kennt einen Betriebshelfer. Ein Job mit Perspektive.
Urlaub, das ist für viele Menschen die wichtigste Zeit des Jahres. Durchschnittlich 30 Tage stehen deutschen Arbeitnehmern zur Verfügung. Eine Berufsgruppe, die aus dem Rahmen fällt, sind die Landwirte. Denn wer übernimmt die Verantwortung für 100 Milchkühe? Das kann nur jemand sein, der selbst ausgebildeter Landwirt ist, Zeit hat und dem die Hofbesitzer vertrauen. Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist Gerd Lübken.
Rund 200 Tage im Jahr ist der Betriebshelfer im Einsatz
Der Berner springt seit 2020 als Betriebshelfer ein. Er muss inzwischen selbst darauf achten, Auszeiten frühzeitig festzulegen. Rund 200 Tage im Jahr ist er im Einsatz. Manchmal nur für eine Melkzeit, also zwei, drei Stunden, oft ein Abend, an dem die Familie eingeladen ist oder zu einer Veranstaltung möchte, bis zum 14-tägigen Urlaub. Allein in den vergangenen acht Tagen half Gerd Lübken in vier verschiedenen Betrieben aus.
Die meisten Landwirte in der Wesermarsch sind Milchbauern. Auch Lübken führte 35 Jahre lang einen eigenen Hof. „Ich war in dieser Zeit vielleicht viermal im Urlaub. Die Verantwortung für die Tiere nimmt man immer mit“, sagt er.
Nachdem er seinen Betrieb abgegeben hatte, wurde er eines Tages von einem Freund gebeten, auszuhelfen. Ein weiterer Bekannter nutzte den gleichen Melkroboter – natürlich bot es sich an, Lübken wieder als Vertreter anzufragen.

Die Arbeit des Betriebshelfers dreht sich um die Versorgung der Tiere: Füttern und Melken – auf der Weide, im Melkstand, im Karussell oder mit dem Melkroboter. „Jeder nutzt eine andere Technik. Deswegen arbeite ich meistens auf denselben Höfen, dort kenne ich die Abläufe“, sagt er. 50 bis 80 Kühe übernimmt Lübken allein. Ist die Zahl der Tiere höher, sind weitere Mitarbeiter vor Ort. Lange Abwesenheiten werden von den Landwirten weit im Voraus geplant.
Die Hauptreisezeit liegt zwischen Juli und September. Im Mai fährt keiner in den Urlaub, da steht die Ernte im Vordergrund, auch im Winter sind die Landwirte seltener unterwegs. „Aber schon eine freie Melkzeit am Morgen oder am Abend ist für den Bauern Lebensqualität“, sagt der 64-Jährige.
Tagsüber hat Gerd Lübken für gewöhnlich frei. Es sei denn, die Geburt eines Kalbs steht bevor oder er muss Gülle ausfahren, weil sich Regen ankündigt und die Landwirte nur bestimmte Wetterfenster nutzen dürfen, um den Dünger auf die Böden zu bringen.
„Ich habe auch schon einen Anruf aus dem Urlaub bekommen, dass eine Kuh bullt, und ich sie besamen lassen kann. Der Landwirt hat die Daten zur Aktivität der Tiere auf sein Handy bekommen und wollte den Zeitpunkt für Nachwuchs nutzen“, erklärt der Berner.
Landwirte sind auch im Urlaub an ihrer Arbeit interessiert
Bei Familie Luers in Esenshamm-Havendorf übernehmen die Mitarbeiter bei Engpässen die Versorgung der 500 Kühe, in der Urlaubszeit werden zusätzliche Hilfskräfte eingestellt. Italien, Frankreich, Strand oder Berge – wo geht es in dieser kostbaren Zeit hin? Die Antwort überrascht dann doch: „Mein Mann und ich gucken uns gern an, wie Landwirtschaft in anderen Ländern betrieben wird“, sagt Mareike Luers.

Das Paar besuchte in Namibia die größte Farm des Landes. „Ursprünglich wurden dort 2.000 Kühe gehalten. Aufgrund mehrerer aufeinanderfolgender Dürrejahre mussten sie die Tiere auf 1.200 reduzieren. Es gab kein Gras, die Futterkosten waren nicht mehr tragbar“, erzählt sie.
In Ohio zeigte ihnen ein Landwirt, wie die Milch in der Welt hin- und hertransportiert wird und welchen Einfluss das auf die Preise hat. „Alles ist miteinander vernetzt. Deswegen sollte man sich ruhig im Ausland umsehen. Wir waren auch auf Mallorca und Gran Canaria im Badeurlaub. Acht, neun Tage, das reichte dann auch.“
Die Technik erleichtert die Früherkennung von Krankheiten
Die Eltern von Carsten Hullmann führten in Nordenham den Betrieb noch mit 40 Kühen – überschaubar und doch ein Problem, wenn es um den Urlaub ging. „Trotzdem sind wir jedes Jahr weggefahren, nicht weit, auf die Ostfriesischen Inseln oder nach Schleswig-Holstein“, sagt er. Damals wechselten sich die Eltern mit den Nachbarn ab, die führten einen Hof in ähnlicher Größe.
Heute hält die Familie 175 Kühe. Hullmann betreibt den Hof zusammen mit seinem Sohn Clemens und zwei Mitarbeitern. Er unternahm in den vergangenen Jahren Reisen in die USA, nach Dubai und auch mal eine Kreuzfahrt.
Für den Melkvorgang nutzt der Landwirt einen konventionellen Gruppenmelkstand. 20 Kühe können darin gleichzeitig gemolken werden. Die Tiere stehen in der Saison tagsüber auf der Weide und nehmen zu den Melkzeiten selbstständig ihre Plätze ein. Die Sauger des Geschirrs werden von Hand angesetzt und lösen sich, wenn der Milchfluss nachlässt. „Die Arbeit schafft einer allein. Aber es geht eben nicht ohne unser Zutun“, sagt Hullmann. Im Sommer will er mit seiner Partnerin in die Berge. Maximal zehn Tage.

Betriebshelfer lernen Höfe und Systeme kennen
Ernst wird es für den Urlaubsvertreter vor Ort, wenn ein Tier erkrankt. Das hat Lübken selbst im Extrem erlebt. Als 2024 die Blauzungenkrankheit grassierte, starben auf fast jedem Hof mehrere Kälber und Kühe. Die Erfahrung brachte ihn an seine Grenzen. „Man hat den Anspruch, die Arbeit gutzumachen, aber es gab bei den Tieren keine Möglichkeit einzugreifen. Noch so ein Jahr und ich hätte aufgehört“, sagt er.
Im Normalfall leistet die Technik für die Früherkennung gute Dienste. So wird beispielsweise in automatischen Melksystemen unter anderem die Leitfähigkeit der Milch kontinuierlich während des Melkvorgangs überwacht. Sind die Messwerte erhöht, ist der Betriebshelfer alarmiert und lässt das Tier durch den Tierarzt überprüfen.
Betriebshelfer werden in der Landwirtschaft händeringend gesucht. Wer diesen Beruf ausüben möchte, benötigt eine entsprechende Ausbildung. Aber auch bevor der Schritt zum eigenen Hof getan wird, empfiehlt Gerd Lübken sich der Herausforderung wechselnder Betriebe zu stellen – mehr über Viehwirtschaft und verschiedene Systeme kann man in kurzer Zeit nicht lernen.
