Der Überfall im Park, die Schlägerei in der Innenstadt, scheinbar Alltag in Deutschland. Die Medien berichten täglich von Gewalt, dazu kommen zahlreiche Podcasts, in denen wahre Verbrechen rekapituliert werden und ihre Hörer finden. Zwei Kölner Soziologinnen haben ein Buch geschrieben, das ein realistischeres Bild zeichnen möchte. In „True Criminology“ nutzen die Autorinnen wissenschaftliche Erkenntnisse, um schlüssig zu zeigen, wie Kriminalität entsteht und welche Rolle Faktoren wie Alter, Geschlecht oder der soziale Status spielen.
Nicole Bögelein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie der Universität zu Köln. Gina Rosa Wollinger hat eine Professur an der Hochschule für Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW inne. Im Interview mit der Kreiszeitung geben sie uns einen Einblick in ihre Arbeit.
Was erwartet die Leser in ihrem Buch?
Bögelein: Wir beleuchten die Bereiche, in denen Kriminalität strukturell relevant wird. Wir stellen uns die Frage, wie reagieren Staat und Gesellschaft auf abweichendes Verhalten und welche Debatten werden geführt. Dazu gehört auch die Frage, inwiefern bestimmte Menschen Diskriminierungen unterliegen.
Wer wird denn statistisch gesehen am häufigsten gewalttätig?
Wollinger: Gut untersucht ist der Bezug zur Jugend. Wer Gewalt in der Erziehung erlebt hat, neigt später eher zu Gewalt. Ebenso spielen Gewalt legitimierende Einstellungen, die mit Männlichkeit verknüpft sind, oft eine Rolle. Die Zustimmung zu Aussagen wie: „Ein echter Mann verteidigt sich mit Gewalt“, ist ein Beispiel. Auch die Bildung beeinflusst die Bereitschaft zu Gewalt.
Bögelein: Kriminalität muss außerdem überhaupt als solche erkannt werden. Im Bereich des Versicherungsbetruges und der Steuerhinterziehung beobachten wir eine Normalisierung. Da werden Straftaten mit Sätzen wie: „Der Staat nimmt mir etwas weg, dann nehme ich ihm auch etwas weg. Das steht mir zu“, moralisch verklärt.

Könnten Sie die Aussage näher erläutern?
Bögelein: Ganze Abteilungen in Banken sind auf Steuerhinterziehung angesetzt – letztlich steckt dahinter die Frage, wie man der Allgemeinheit Geld vorenthalten kann. Diese Praktiken sind in einigen Unternehmen total normal und anerkannt. Nur daran denken die Leute nicht, wenn sie über Kriminalität sprechen. Das Cum-Ex-Verfahren hat uns als Staat um mehrere Milliarden Euro gebracht. Auch das kann lebensbedrohliche Folgen haben, beispielsweise weil ein Krankenhaus nicht gebaut werden konnte. Das ist aber nicht so direkt und daher nicht so offensichtlich wie bei einer Schlägerei.
Einige Parteien nutzen die Angst vor Gewalt, um Menschen an sich zu binden. Was ist dran an dem Gefühl?
Wollinger: Die Sorge, dass Kriminalität zunimmt und ich Opfer einer Straftat werde, speist sich meist aus diffusen Informationen. Wenn Menschen in den Medien mehrfach über Messerstechereien lesen, entsteht der Eindruck, die Zahl der Taten hätte enorm zugenommen.
Einige Parteien nutzen die Berichterstattung, um das Gefühl aufzubauen, es laufe alles aus dem Ruder. Tatsächlich ist die Sicherheitslage im öffentlichen Raum in Deutschland sehr gut. Gewalt passiert eher im nahen Umfeld – durch den Partner, Bekannte oder innerhalb der Familie. Sie wird allerdings seltener angezeigt. Dass ein Fremder plötzlich jemanden angreift, kommt zwar vor, ist aber selten.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität?
Wollinger: Jein. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik zeigt im Bereich der von Migranten begangenen Straftaten ein verzerrtes Bild. Sie führt auch Touristen auf, die nur zur Tatbegehung eingereist sind und nicht zur Wohnbevölkerung gehören. Außerdem wissen wir, dass die Merkmale jung und männlich Hauptrisikofaktoren für Kriminalität sind. Und vorwiegend junge Männer wandern zu.
Bei einer Befragung von Jugendlichen in Bezug auf ihre Einstellung zu Gewalt fällt auf, dass Jugendliche mit Migrationsgeschichte eher bereit sind, Gewalt auszuüben als deutsche Jugendliche. Dabei spielt die Herkunft keine zusätzliche Rolle, sondern Alter, Perspektiven und soziale Verbundenheit.
Insgesamt zeigen die Untersuchungen: Die allermeisten Zuwanderer begehen keine Straftaten. 2007 stieg die Zuwanderung an. Trotzdem sank die Gewaltkriminalität in Deutschland. 2015 stieg die Zuwanderung erneut und es kam zu einem Anstieg – das hatte aber viele Gründe. Danach ging die Gewalt wieder zurück. Nach Corona stieg sie wieder an – ohne steigende Zuwanderungszahlen. Insgesamt ist die Kriminalitätsrate im Land ohnehin niedrig. Einen Zusammenhang im Sinne von mehr Zuwanderung, gleich mehr Gewalt, ist nicht zu sehen.
Bögelein: Wir sprechen dabei von einem Verstärkerkreislauf: Eine Studie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann zeigt, dass überproportional von Delikten berichtet wird, an denen nicht deutsche Täter beteiligt sind. Die Gesellschaft hat das Gefühl, da gibt es ein Problem. Die Politik greift das Thema auf. Es entsteht ein Kreislauf.
Das Narrativ „Ohne die Migranten hätten wir keine Gewalt“, ist nicht wahr und verdeckt strukturelle Gründe für Gewalt, indem es eine vermeintlich einheitliche Gesellschaft ausmalt, in der alle Menschen gleich sind und Gewalt gegen Frauen beispielsweise alleine ein Problem von außen ist. Aber das stimmt nicht. Auch in Deutschland steht unter anderem Gewalt in der Erziehung erst seit dem Jahr 2000 unter Strafe (Vergewaltigung in der Ehe gilt seit 1997 als strafbare Tat, Anmerkung der Redaktion).

Spielt Religion eine Rolle?
Wollinger: Nein, so einfach kann man das nicht sagen. Diverse Studien haben das untersucht. Religiosität bewahrt eher vor Kriminalität, weil die Zugehörigkeit soziale Kontrolle verstärkt. Auch ist das Trinken von Alkohol in einigen Religionen verboten – dort entfällt ein wichtiger Risikofaktor für Gewalt. Bei dieser Frage muss man sehr stark differenzieren.
Was schlagen Sie vor?
Wollinger: Gewalt und Migration, das Thema wird diskutiert, als wären es Wesensmerkmale von Menschen aus bestimmten Herkunftsländern. Als eine Gesellschaft, die Menschen aus anderen Ländern aufnimmt, können wir selbst mehr tun, um Gewalt zu minimieren. Da geht es um Angebote zur Integration, vernünftige Unterkünfte und darum, Perspektiven zu gestalten.
In unserem Buch plädieren wir für eine neue Kriminalpolitik, die berücksichtigt, dass viele Straftaten durch bestimmte Männlichkeitsnormen geprägt und nicht zuletzt auch mitverursacht sind. Ziel ist, die Rechte aller Menschen gleich wichtig zu nehmen und von dem Gedanken Abstand zu nehmen, mit Strafe bekäme man eine Verhaltensänderung hin. Damit packt man die Kriminalität nicht an der Wurzel.
In eigener Sache: Sollten die Medien die Namen und Nationalität der Täter nennen?
Wollinger: Aus kriminologischer Sicht wissen wir, dass Nationalität und Herkunft nicht die Ursache für Taten sind.
Bögelein: Zum Vergleich, ein Gedankenexperiment. Wir sagen nicht: „Schon wieder ein Mann, der eine Tat begangen hat.“ – Dabei sind es zu einem sehr hohen Anteil Männer, die Gewalttaten verüben. Welchen Pass der Täter hatte, sagt nichts aus. Jede Erwähnung verstärkt den Eindruck, Menschen aus einem anderen Land als gefährlich einzustufen. Das unterstützt ein nationalistisches, rechtskonservatives Gedankenbild, das nichts mit der Realität und Gefährlichkeit einer Person zu tun hat. Daher sollte die Nationalität aus unserer Sicht nicht genannt werden.