Lebenskrise oder Lust auf Abenteuer: Den Jakobsweg zu wandern, fordert auf ganz eigene Weise heraus und liefert viele Eindrücke. Fast niemand kehrt unverändert von der Erfahrung zurück. Das erwartet den Pilger.
Pilgern ist in den vergangenen zwanzig Jahren in Mode gekommen. Einer der bekanntesten Wege ist der Camino Frances. Er beginnt offiziell im französischen Örtchen Saint-Jean-Pied-de-Port (St. Jean), führt über die Pyrenäen, hinein nach Spanien über Pamplona, Burgos und Astorga bis in den äußersten Westen nach Santiago de Compostela (Santiago).
Im Jahr 2005 erreichten 93.923 Menschen ihr Ziel. 2025 lag ihre Zahl schon bei 240.000. Tendenz steigend. Aber: Nur etwa 30.000 wanderten die kompletten 800 Kilometer. Die anderen hinterließen ihre Spuren auf einzelnen Abschnitten des Weges und flossen in die Statistik ein.
800 Kilometer – der meistbesuchte Pilgerweg der Welt
Der Weg wird in einer verbreiteten Ansicht in 32 Etappen à 20 bis 25 Kilometer eingeteilt. 2014 lief ich die ersten 17 Etappen bis Sahagun. 2015 startete ich in Lissabon auf dem Camino Portuges und kam nach fünf Wochen in Santiago an.
Die Entscheidung, in meinem Mai-Urlaub nochmal ein Stück des meistbesuchten Caminos der Welt zu laufen, ergab sich aus den von mir gesetzten Anforderungen: Ich wollte draußen sein, mich bewegen und Leute kennenlernen.
Von Bremen flog ich bis Bilbao. Dort fahren Busse in alle Richtungen, auch nach Logrono – einer 150.000-Einwohner-Stadt auf der Pilgerroute in der Region Rioja. Die Tickets für Bus und Bahn können im Internet im Voraus gebucht oder vor Ort gekauft werden.

Der Pilgerpass gehört zu den wichtigsten Gepäckstücken
Am frühen Abend erreichte ich die Pilgerherberge. Dort hatte ich ein Bett reserviert. Achtung: Diese günstigen Unterkünfte sind nur für Pilger. Man braucht einen Pilgerpass. Den gibt es beispielsweise im Internet für zehn Euro. Alternativ bieten Hotels und Pensionen ihre Zimmer an. Ich empfehle, die Nächte in den Herbergen zu verbringen, um das spezielle Lebensgefühl kennenzulernen.
Man schläft in großen Sälen mit Etagenbetten. Im Preis zwischen 13 und 18 Euro ist das Kopfkissen und oft ein Laken inbegriffen. Den Schlafsack muss jeder selbst mitbringen. Das gute Stück nimmt einen Großteil des Platzes im Rucksack ein.
Wenige Klamotten und das Zwiebelprinzip im Blick
Wobei wir bei einem wichtigen Punkt sind: dem Gewicht des Gepäcks. Ich habe gesehen, wie jemand seine elektrische Zahnbürste in der Herberge auspackte. Aber nichts, wirklich gar nichts, ist schlimmer als mit schwerem Rucksack zu wandern und abends mit schmerzenden Knien ins Bett zu gehen.
Für zehn Tage hatte ich neben Ladegerät und Kosmetiktasche zwei leichte Hosen, vier schnell trocknende T-Shirts, Wanderschuhe und ein Paar Wandersandalen dabei. Dazu für die Zwiebeltechnik einen Fleecepullover, eine Jacke und eine Regenjacke, wenn es kalt wurde. Die Packliste wäre auch bei 35 Tagen ähnlich ausgefallen. Vorschläge zur Reduktion auf das Wesentliche gibt es im Netz.

Zweitwichtigstes Utensil für die Reise: Ohrstöpsel
Die erste Nacht: Dem Pilger wird ein Bett im Schlafsaal zugewiesen. Mal ist es eine Koje mit Vorhang, mal ein offenes Etagenbett, in dem der Nachbar mit ausgestrecktem Arm fast zu erreichen ist.
Die Badezimmer sind gemeinschaftlich, meistens nach Geschlechtern getrennt. Zu den unverzichtbaren Utensilien für die Nacht gehören Ohrstöpsel. Es sei denn, man ist taub. Einer/Eine schnarcht immer. Und morgens beginnen eifrige Wanderer um 5 Uhr, ihre Rucksäcke zu packen.
Tapas sind kleine Kunstwerke für wenig Geld
Der Weg: Die Markierung des Camino Frances ist vorbildlich. Gelbe Pfeile auf der Straße, Schilder mit der Muschel und auch Einheimische helfen gern weiter, wenn die Orientierung verloren geht. Ganz sicher braucht es kein Buch, um sich zurechtzufinden.

Des Weiteren funktioniert Spanien wie Deutschland. Es gibt EC-Automaten, Supermärkte, Busse und Bahnen. Kaffee kostet nie mehr als 2 Euro und schmeckt überall hervorragend. Mittags und abends sind Tapas – belegte Baguettescheiben in 1001 Varianten – sehr beliebt. Die kleinen Kunstwerke sind mit regionalen Spezialitäten bestückt: Glasaal, Omelette, Lachs mit Marmelade und Ziegenkäse – ein Fest.
Auf dem Camino Frances ist man selten allein
Heißt allein reisen, einsam sein? Nein. Der Camino Frances ist, wie die Zahlen belegen, gut besucht. 50 Prozent sind Spanier, die andere Hälfte aus aller Herren Länder.
Viele laufen allein und sind froh über wechselnde Begleiter und Austausch. Das ist das Prinzip des Camino. Man geht einen Teil des Weges zusammen, solange die Schrittgeschwindigkeit und das Temperament passen. Aus ein paar gemeinsamen Stunden können so Wochen werden.

Am zweiten Tag lief ich mit Sophia, Chad und Dave – zwei US-Amerikanern und einem Kanadier. Dave hatte in der vorherigen Nacht über mir im Etagenbett geschlafen, wir kannten uns vom Sehen. Die anderen beiden lernte ich beim Kaffee-Stop auf der Route des Tages kennen. Dave kam dazu und zu viert setzten wir den Weg fort. Später wanderte ich mit Graham aus Neuseeland und Tom aus Großbritannien.
Reduktion auf das Wesentliche, neue Sicht auf das Leben
Eine beliebte Frage unter Pilgern ist, neben – Wo kommst Du her? Wo willst Du hin? – die nach dem Warum der Wanderung. Die Gründe sind seltener religiöser als persönlicher Natur.
Sophia (27) wartete auf ihr Prüfungsergebnis, um entscheiden zu können, ob sie Jura studieren könne. Dave (29) hatte eine Trennung hinter sich und wollte Abstand.
Graham (71) lief die gesamte Strecke, während seine Frau dafür zu schlecht zu Fuß war und eine Bustour von St. Jean bis Santiago mit vielen Haltepunkten gebucht hatte. Er schrieb ihr häufig Nachrichten und jeden Abend telefonierten sie. Das Paar plant, am selben Tag am Ziel anzukommen.
Drei Franzosen trafen sich jedes Jahr, um gemeinsam eine Woche ihren Weg fortzusetzen. Vor drei Jahren hatten sie mit der Reise in St. Jean begonnen.

Der Camino gibt Dir alles, was Du brauchst
Die Voraussetzung für die Pilgerreise auf dem Camino Frances ist aufgrund der guten Infrastruktur vergleichsweise niedrig. Die Abstände zwischen den Dörfern und Städten sind selten länger als zehn Kilometer.
Ein Spruch, den man immer wieder hört, ist: Der Camino gibt Dir, was Du brauchst. Bedeutet: Was immer gerade dringend benötigt wird, Essen, Gespräche oder ein Bett, es wird zu finden sein.
In einsamen Abschnitten trifft man beispielsweise immer wieder sogenannte Engel des Weges. Meist einzelne Personen, neben ihnen ein Tisch, auf dem Kaffeekannen, Kekse und Obst ausgebreitet sind. Für den Verkäufer ist der Service ein Nebenverdienst, für die Wanderer, besonders an nasskalten Tagen, ein verdammtes Glück.

Bis ans Ende der Welt sind es 90 Kilometer extra
Einmal am Ziel des Tages angekommen, geht es als Erstes darum, sich ein Bett zu sichern. Je näher Santiago rückt, desto häufiger sind die Herbergen ausgebucht. Gleichzeitig nimmt das Angebot zu, sodass mit etwas Geduld ein Bett zu bekommen ist.
Nach der Dusche finden sich die Pilger in den umliegenden Bars und Cafés ein. Andere waschen ihre Sachen, kaufen Proviant für den Folgetag oder schreiben Tagebuch und Mails. Die Lichter im Schlafsaal gehen am Abend zeitig aus.
Von Santiago aus ist es möglich, weitere 90 Kilometer bis Finisterre, dem Ende der Welt, zu wandern. Dann allerdings gibt es für viele nur noch den Rückflug. Und die Frage, wie die Einsichten des Weges in den Alltag einfließen können.
